Wer wir sind und was uns bewegt

Wie alles anfing – unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unterstützen

Der Verein Fluchtraum Bremen wurde im Jahr 2004 vor dem Hintergrund steigender Zahlen von neu ankommenden, unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen (umF) gegründet, für die Vormünder gefunden werden mussten. In Bremen übernahm diese Aufgabe eine (einzige) beim Jugendamt tätige Amtsvormündin. Sie war für weit über 100 Jugendliche zuständig; eine über das rein Rechtliche hinausgehende, kindeswohlgerechte Begleitung war in dieser Situation kaum möglich. Häufig waren die jungen Geflüchteten nicht in Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht, sondern in Übergangswohnheimen für Erwachsene, wo jegliches Betreuungspersonal fehlte. Auf „Initiative“ des Vereins „Zuflucht – ökumenische Ausländerarbeit“, der auf die Not der Jugendlichen aufmerksam wurde, fand sich eine kleine Gruppe engagierter Freiwilliger, die ehrenamtliche Einzelvormundschaften für die unbegleiteten Minderjährigen übernahmen.

10 Engagierte gründen den Verein Fluchtraum Bremen e.V.
Das war die Geburtsstunde für den Verein Fluchtraum, der sich das Ziel setzte, weitere Einzelvormünder/innen zu gewinnen und sich auch im öffentlichen Diskurs für die Rechte, Interessen und das Wohl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge einzusetzen. Für die damals 10 Engagierten lag das Hauptaugenmerk auf der persönlichen Begegnung und einer wertschätzenden Beziehung: Durch den Aufbau einer stabilen, auf Vertrauen, Wertschätzung und Wohlwollen basierenden Beziehung sollten die zum Großteil traumatisierten jungen Menschen in ihrer Persönlichkeit gefestigt und ermutigt werden, ihr „neues Leben“ in unserer Stadt in die Hand zu nehmen.

Persönliche Begegnung als Ansatzpunkt

Von Beginn an war es uns wichtig, den Kontakt zwischen Jugendlichen und Vormündern/innen auf Augenhöhe zu gestalten. Im Mittelpunkt steht die Entwicklung einer „face-to-face“ und „side-by-side“ Beziehung, es geht um ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Die persönliche Begegnung eröffnet beiden - Jugendlichen und ehrenamtlich Engagierten - das Eintauchen in eine bislang „fremde Welt“, andere Kulturen und Wertvorstellungen. Die Vormundschaft ermöglicht es aufgeschlossenen, empathischen und interkulturell interessierten Menschen in Bremen, ihr soziales Verantwortungsbewusstsein einzubringen und ihren Wunsch, aktiv einen Beitrag zur Lösung der Probleme unserer Zeit zu leisten, in die Tat umzusetzen.
Partizipation und Empowerment
Unser Anliegen war und ist es, die Jugendlichen mit ihren Stärken, Bedürfnissen und vielfältigen Ressourcen in den Blick zu nehmen. Jenseits ihrer schwerwiegenden Belastungen gehen wir davon aus, dass sie, die oft unter großen Gefahren den Weg nach Deutschland gefunden haben, einen starken Überlebenswillen haben und ihr Leben hier als ihre Zukunftschance betrachten. Deshalb spielt in der Vormundschaft von Beginn an die Partizipation eine wichtige Rolle: die Jugendlichen sollen in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit gestärkt und zur gesellschaftlichen Teilhabe ermutigt und befähigt werden.

Vom Mentor zum Vormund  

Um den Aspekt der Partizipation von Beginn an zu berücksichtigen, startet jede Einzelvormundschaft mit einer mehrwöchigen Mentoring-Phase, in der Jugendlicher und Vormund sich „beschnuppern“ können, bevor auf beiderseitigen, expliziten Wunsch beim Familiengericht die Bestallung zum Vormund beantragt wird – oder auch nicht; so gab es schon immer die Möglichkeit, es aus welchem Grund auch immer bei einer Mentorenschaft zu belassen. Zudem versuchen wir bereits bei der Auswahl potentieller Mentoren/innen, die Wünsche der jungen Geflüchteten zu berücksichtigen. Wichtige Voraussetzung für die Anbahnung einer Einzelvormund-/Mentorenschaft ist, dass der junge Mensch dies auch wünscht und beispielsweise den Betreuungspersonen gegenüber zum Ausdruck bringt – keiner soll das Gefühl haben, dass ihm etwas „übergestülpt“ wird. In den Vorgesprächen weisen wir die Kandidaten/innen für eine Einzelvormund-/Mentorenschaft darauf hin, dass die Beteiligung und Einbeziehung des jungen Menschen in alle ihn betreffenden Entscheidungen, die Berücksichtigung seiner Wünsche und Vorstellungen (im Rahmen des Möglichen) und die einfühlsame Förderung seiner persönlichen Entwicklung und Ressourcen nach dem Verständnis unseres Vereins höchsten Stellenwert haben. Bei einer einseitigen Überbetonung des Flüchtlingsstatus kann das leicht aus dem Blick geraten. Wir verwenden deshalb große Sorgfalt auf die Auswahl der interessierten Ehrenamtlichen und die mögliche hohe Passung zu dem Jugendlichen, der eine/n Vormund sucht. Nur wenn unsere Mitarbeiter/innen in den Vor- und Infogesprächen den Eindruck gewinnen, dass ein/e Vormundschaftskandidat/in neben Empathie, interkultureller Kompetenz und persönlicher Reife auch die Bereitschaft mitbringt, sich auf den jungen Flüchtling einzulassen, stellen wir den Kontakt her. Um die Wünsche und Erwartungen der Jugendlichen weitestgehend berücksichtigen zu können, führen wir auch mit ihnen Vorgespräche und fordern sie auf, selbst oder mit Unterstützung ihrer Betreuungskräfte schriftliche „Steckbriefe“ zu verfassen.

Kleiner Anfang – große Wirkung

In den Jahren 2004 bis 2013 arbeitete der Verein als ehrenamtliche Initiative mit rund zwei Dutzend Mitgliedern und einer kleinen Gruppe von etwa 10 Einzelvormündern bzw. Mentoren/innen. Die bereits damals monatlich stattfindenden Austauschtreffen der Vormünder und Mentoren/innen, die Infogespräche mit Vormundschaftskandidaten/innen, die Vermittlungen der Ehrenamtlichen an die Jugendlichen u.v.m. wurden bis 2010 im Wesentlichen von der ersten Vorsitzenden Erika Nievers übernommen. Aus einem kleinen Spendentopf finanzierten wir Schulungsveranstaltungen zu Themen wie Asyl- und Aufenthaltsrecht oder zum Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen. Sitz des Vereins war schon damals die Berckstraße 27, wo wir im Büro des Vereins „Zuflucht - ökumenische Ausländerarbeit“ einen Schreibtisch, ein Regal und Zugang zu Telefon und Internet hatten.

Im Lauf der Zeit rückte die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge - hervorgerufen durch den öffentlichen Druck von Vereinen, Initiativen, Flüchtlingsräten - in Bremen und bundesweit immer mehr ins Blickfeld von Öffentlichkeit, Verwaltung und Politik. 2005 trat das Kinder- und Jugendhilfeweiterentwicklungsgesetzes (KICK) in Kraft, demzufolge alle unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge unverzüglich am Ort ihres Auftauchens in Obhut zu nehmen sind1, ein Clearing-Verfahren durchlaufen und mit einem Vormund oder einer Vormündin versehen werden müssen. Schon damals galt, ehrenamtliche Vormundschaften sind Amtsvormundschaften vorzuziehen. In Relation zur Verschlechterung der Lebensbedingungen in den Krisenregionen der Welt stieg die Zahl neu einreisender unbegleiteter Minderjähriger bereits ab dem Jahr 2009 rapide an. Im Juli 2010 nimmt die Bunderegierung die Vorbehalte zur UN-Kinderrechtskonvention zurück. Fluchtraum stellte sich der Herausforderung und verstärkte seine Aktivitäten. Wir vernetzen uns vor Ort und bundesweit mit einschlägigen Akteuren, die Vorsitzende Claudia Schmitt wird Landeskoordinatorin des Bundesfachverbandes unbegleitete minderjährige Flüchtlinge für Bremen.

Aktivitäten - Projekte - Preise - Spenden

Einen Meilenstein in der Entwicklung des Vereins stellt das Projekt „Sommerpatenschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ dar, das Fluchtraum im Sommer 2013 in Zusammenarbeit mit der Bremer Volkshochschule durchführte. Dafür wurde dem Verein der Hilde-Adolf-Preis der Bremer Bürgerstiftung verliehen. Der mit 3.000 EUR dotierte Preis verhalf uns zu medialer Präsenz, diese wiederum hatte einen vermehrten Zulauf von Ehrenamtlichen sowie einen verstärkten Spendeneingang zur Folge, so dass ab Sommer 2013 zwei Honorarkräfte beschäftigt werden konnten. Beide waren bereits ehrenamtlich bei uns tätig und hatten für den Verein eine Studie zur Beschulungssituation von umF in Bremen durchgeführt. Mit ihrer Honorartätigkeit wurde das Fundament für die Professionalisierung des Vereins gelegt.
Es folgten die Projekte „Willkommen in Bremen 2013“, „Willkommen in Bremen 2014“ (Bundesprogramm Toleranz fördern - Kompetenz stärken) und das Projekt „Mehr ehrenamtliche Vormünder für UMF!“ (Förderung durch das Amt für soziale Dienste Bremen). Ziel dieser Projekte war es, ehrenamtliche Einzelvormünder/innen zu gewinnen und zugleich die politischen und sozialen Rechte von minderjährigen Flüchtlingen zu stärken und die Öffentlichkeit für die realen Problemlagen von Flüchtlingen zu sensibilisieren. In dieser Zeit wurden 30 neue Vormünder/innen bzw. Mentoren/innen gewonnen, geschult und beraten.
Im Juni 2015 startete dann das auf 3 Jahre angelegte AMIF Projekt „do it transfer Plus“ zur Gewinnung ehrenamtlicher Einzelvormünder/innen in Kooperation mit der Diakonie Wuppertal. Im Rahmen des Projekts wird von Juni 2015 bis Juni 2018 eine Vollzeitstelle gefördert; in Anlehnung an das Projekt fördert uns die Senatorin für Soziales mit einer weiteren Vollzeitstelle.

Weitere Schritte zur Professionalisierung der Vereinsarbeit

Mit den Fördermitteln von „do it“ und der Stadt Bremen konnten im Frühjahr drei Teilzeitkräfte mit insgesamt 80 Wochenstunden eingestellt werden. Die drei Mitarbeiterinnen arbeiten seitdem im neuen Büro in der Berckstraße 27. Sie machten sich mit Schwung daran, die aus der Ehrenamts- und Honorarkraftzeit stammenden Samen und Pflänzchen zusammenzutragen, aufzupäppeln und aus Fluchtraum einen professionell angelegten, blühenden Garten wachsen zu lassen. Dies war angesichts der hohen Zuwanderungszahlen in den Jahren 2015/2016 und der mit ihr auch stark steigenden Zahl neu ankommender unbegleiteter Minderjähriger2 einerseits und der großen Bereitschaft der Bevölkerung, sich ehrenamtlich für Geflüchtete zu engagieren andererseits, auch dringend notwendig. Unsere Arbeit stieß auf große Resonanz in Bremen.  Zu unseren monatlichen Infoabenden kamen bis zu 100 Interessierte. In einem Jahr konnten wir 200 neue Mentoren/innen und ca. 60 Einzelvormünder/innen gewinnen. Damit hatten wir bereits im ersten Jahr des „do it“ Projektes das Projektziel erreicht.
Wir sichern die Qualität unserer Arbeit, indem wir Interessierte umfangreich informieren und beraten. Vor der Übernahme der Mentorentätigkeit bzw. Vormundschaft legen alle ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vor und nehmen im weiteren Verlauf ihres Engagements an Schulungen zu relevanten Themen teil3. Seit 2015 finden mind. 2 Schulungsblocks pro Jahr statt. Wir unterstützen unsere ehrenamtlich Engagierten durch Beratungsangebote, monatliche moderierte Austauschtreffen, Infomaterial, Broschüren, Handouts und unseren regelmäßigen Newsletter. Auf unserer Website www.fluchtraum-bremen.de finden Interessierte ausführliche Informationen über den Verein und seine Arbeit, Handreichungen für das ehrenamtliche Engagement und weiteres Hintergrundmaterial. Wir arbeiten eng mit den Jugendhilfeeinrichtungen   zusammen und beraten bei Bedarf auch Betreuungskräfte vor Ort. Außerdem ist Fluchtraum eng vernetzt mit den Bremer Behörden und weiteren, relevanten Akteuren sowohl in Bremen (Jugendamt, Begleitgruppe beim Amt für soziale Dienste, Flüchtlingsrat, Refugio usw.) als auch bundesweit (z.B. BumF/Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, Pro Asyl etc.). Seite an Seite mit anderen Akteuren in der Flüchtlingsarbeit beteiligen wir uns aktiv an der öffentlichen Debatte über die Aufnahme von Flüchtlingen und die Einrichtung von (Not)Unterkünften.

Spenden und Aktivitäten für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

Dank erfolgreicher Spendenaktionen und Fundraising konnten wir in 2015/2016 viele Jugendliche direkt finanziell unterstützen (z.B. durch Sprachkursstipendien, Zuschüsse zu Anwaltskosten, Sportbekleidung, Schwimmkurse oder Hilfe in besonderen Notlagen). Unsere jährlichen Spendenaktionen haben den Zweck, diese direkte Unterstützung für die Jugendlichen weiterhin möglich zu machen. Um die Partizipation der unbegleiteten Minderjährigen zu fördern, vermitteln unsere Mitarbeiterinnen Jugendliche auch in kreative Projekte, Theater- und Museumsbesuche und vieles mehr; unsere ehrenamtlich Engagierten ermöglichen ihnen den Besuch von Sportveranstaltungen, kulturellen Events und anderen Veranstaltungen in Bremen

Früchte unseres Engagements

Als Anerkennung für unsere Arbeit haben wir im Jahr 2015 den Preis der Deutschen Kindergeldstiftung erhalten und wurden auch für die Förderung durch die Wolkenschieber-Gala ausgewählt. Die Preisgelder ermöglichten es uns, im Frühjahr 2016 zwei weitere Teilzeitstellen für die Beratung zu sozialen und aufenthalts- bzw. asylrechtlichen Fragen einzurichten. Seit April 2016 haben wir hierfür ein weiteres Büro in der Schildstr. 10 angemietet, wo zwei Mitarbeiter/innen mit jeweils 15 Wochenstunden unsere Vormünder, Mentoren/innen und deren Mündel und Mentees beraten. Neben Einzelberatungen werden auch Info-Veranstaltungen für größere Gruppen oder Schulklassen von umF durchgeführt. Dabei ist es unser Anliegen, die Teilnehmenden als Multiplikatoren zu gewinnen.
Dank unserer guten Vernetzung in der offenen Jugendarbeit führen wir seit Sommer 2016 das Kooperationsprojekt „Buchte“ mit dem Jugendhaus in der Buchtstraße durch und bieten einmal wöchentlich einen offenen Jugendtreff an. Einheimische, deutsche und geflüchtete Jugendliche können sich hier im offenen Café begegnen, gemeinsam ihre Freizeit verbringen und niedrigschwellige Beratung in Anspruch nehmen. Das Café hat sich inzwischen zu einem lebhaften Treffpunkt entwickelt, bei dem gemalt, gebastelt, gekocht wird oder Bibliotheksbesuche oder Stadtrundgänge unternommen werden. Für die Jugendlichen mit Fluchterfahrung sind diese Begegnungen und Aktivitäten ein wichtiger Schritt zur persönlichen Entwicklung und sozialen Teilhabe.
Seit April 2017 wird das Team durch eine erfahrene Leitungskraft verstärkt, die den Verein dabei unterstützen wird, neue Zukunftsperspektiven zu verwirklichen.


AUSBLICK

Erweiterung unseres Tätigkeitsfeldes: „Ankommen und Bleiben“ – Brücken ins Erwachsenenleben gestalten

Unsere Vision…

Gründung eines Beratungs- und Begegnungszentrums für junge Geflüchtete, in dem – neben unseren Hauptamtlichen - ehrenamtlich Engagierte eingebunden sind. Unsere hauptamtlichen Mitarbeiter/innen bieten Beratung an, koordinieren die Begegnungsangebote, vermitteln ehrenamtlich Engagierte als Mentoren/innen und Vormünder/innen und übernehmen zugleich Lotsenfunktion zu anderen Einrichtungen in Bremen. Sie werden unterstützt durch ehrenamtlich Engagierte, die offene Angebote für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen übernehmen, z.B. Jugendtreff, niedrigschwellige Beratung zu Fragen der alltäglichen Lebensgestaltung, Angebote zum Deutschlernen, Begleitung zu Behördenterminen et. und auch ad hoc als Ansprechpartner zur Verfügung stehen. Das Beratungs- und Begegnungszentrum arbeitet eingebunden und vernetzt mit anderen Hilfs- und Beratungsstellen in Bremen. Für diese zukünftige Arbeit haben wir Ende 2016 einen Antrag auf Anerkennung als Jugendhilfeträger gestellt.

Hintergrund

Die Erfahrung der letzten Monate zeigt, dass es im Moment sehr schwierig ist, neue Ehrenamtliche für Vormundschaften und Mentorenschaften zu gewinnen. Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben (Umverteilung) werden in Zukunft deutliche weniger umF nach Bremen kommen. Zugleich wird es immer mehr junge Geflüchtete (18 bis 25 Jahre) geben, die einen hohen Beratungs- und Begleitungsbedarf haben, entweder, weil sie aufgrund der Volljährigkeit die Kinder- und Jugendhilfe verlassen, oder weil sie nie in diesem System waren. Schon jetzt beraten und begleiten wir/unsere Mentoren/innen viele junge Geflüchtete in dieser Altersgruppe.

Aufgabenfelder

Während bei den unbegleiteten Minderjährigen der Akzent auf der Unterstützung beim "Ankommen" lag, wollen wir bei den jungen Volljährigen das „Bleiben“ stärker ins Blickfeld rücken. Erfahrungsgemäß ist der Übergang ins Erwachsenenalter für Jugendliche und junge Erwachsene mit Fluchtgeschichte mit besonders hohen Anforderungen verbunden, zumal sie diese in einem ihnen fremden Land bewältigen müssen. Dazu gehören das Erreichen eines Bildungsabschlusses, der Übergang in Berufsvorbereitung und Ausbildung, Studium oder Arbeit, der Umgang mit Behörden, der Umzug in eine eigene Wohnung, die Auseinandersetzung mit den hier geltenden Werten und Umgangsformen, der Aufbau tragfähiger sozialer Beziehungen, Alltagsbewältigung etc. Bei diesen ersten Schritten „raus in unsere Gesellschaft“ wollen wir die Jugendlichen und jungen Volljährigen unterstützen und begleiten. Wir legen den Schwerpunkt auf die Begleitung in der Persönlichkeitsentwicklung und die Befähigung zur sozialen Teilhabe. Ergänzend zu den vielfältigen Angeboten in Bremen geht es uns darum, den Prozess des Erwachsenwerdens so zu gestalten, dass Jugendliche und junge Erwachsene stabile Bindungen aufbauen und sich in ihrer persönlichen Entwicklung darauf stützen können. Durch persönliche Begleitung wollen wir Brücken bauen ins Erwachsenenleben und Wege ebnen, die nachhaltig die Integration in unserer Gesellschaft unterstützen.
Unser Ansatz ist trialogisch angelegt: Wir verknüpfen die hauptamtliche Arbeit mit freiwilligem Engagement und den Erfahrungen, Wünschen und Bedarfen der Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Fluchthintergrund. Indem wir diese unterschiedlichen Perspektiven miteinander ins Gespräch bringen, kann es gelingen, Beratung, Begleitung und Angebote für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen so zu gestalten, dass ihre individuellen Bedürfnisse angemessen berücksichtigt und sie befähigt werden, eigenständig ihr Leben zu gestalten.
Die Erfahrung der letzten Jahre hat uns gezeigt, wie wichtig stabile Vertrauensbeziehungen sind, wie förderlich die persönliche Bindung an einen "Menschen vor Ort" ist, der einen in gewissem Umfang an seinem persönlichen Leben teilhaben lässt, der einen einfühlsam an Land und Leute, Sitten und Gebräuche heranführt und über seine privaten Netzwerke "Türen" in unserer Stadt/Gesellschaft öffnet, der sich zugleich aber auch für das Leben und die Geschichte seines Mündels/Mentees (interkulturelles Lernen) interessiert, wie wichtig mithin „echte und stabile persönliche Beziehungen“ für das Wohlergehen und die Entwicklung eines jungen Geflüchteten sind4.
Fluchtraum verfügt über eine lange Liste von Erfolgsgeschichten über junge Geflüchtete, die es mit Unterstützung unserer Vormünder/Mentoren/innen nicht nur geschafft haben, anzukommen, sondern auch zu bleiben, und zwar "gut zu bleiben". Die meisten befinden sich inzwischen in Ausbildung, viele haben bereits eine Ausbildung abgeschlossen und sind in Arbeit, manche haben schon Familien gegründet. Diese gelungenen Lebensgeschichten der jungen Geflüchteten sind für uns der Wind, der uns in unserer Arbeit trägt.

Fußnoten:

1) Mit Inkrafttreten des „Gesetzes zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher“ (sog. Umverteilungsgesetz) am 1. November 2015 werden umF (wieder) wie Erwachsene nachdem sog. „Königsteiner Schlüssel“ (Quotenregelung) deutschlandweit umverteilt.

2) im Jahr 2014: 11.500 Inobhutnahmen; im Jahr 2015: 42.000 Inobhutnahmen

3) z.B. Umgang mit Traumata, Asyl- und aufenthaltsrechtliche Situation, Schule und Ausbildung, Jugendrecht, Vormundschaftsrecht usw.