Abgehängt?! - Junge Geflüchtete in der Coronapandemie

Wohnen + Schule + Deutschlernen + Sprachkurse + Ausbildung + Arbeit + Finanzielle Situation + Gesundheit + Begegnung und soziale Kontakte + Anlauf- und Beratungsstellen + Aktivitäten und Freizeit

Teil 2: Berufliche Bildung im Lockdown  - Folgen der Corona-Pandemie für junge Geflüchtete in Praktika, Ausbildungen, Berufsschule und Nebenjobs

Weniger Ausbildungsplätze in 2020 und Kündigungen in der Probezeit

In 2020 gab es in fast allen Branchen einen leichten Rückgang an Ausbildungsverträgen, dieser fällt in manchen Branchen aber besonders hoch aus. Sehr stark betroffen ist zum Beispiel der Gastronomiebereich (Hotelfachleute, Restaurantfachleute, Fachkraft im Gastgewerbe).

Grüne Box mit Text: „Ausbildung – Bleib dran!“ berät Betriebe, Lehrkräfte an Berufsschulen und Auszubil-dende bei Konflikten in der dualen Berufsausbildung. Die Berater*innen arbeiten vor Ort in den Berufsschulen und kommen bei Bedarf auch mit in die Betriebe. Ziel des Angebots ist die Vermeidung von Ausbil-dungsabbrüchen.In der Gastronomie wurden in 2020 laut Birgit Allen, Diplom-Pädagogin im Beratungsangebot „Ausbildung - Bleib dran!“ des Zentrums für Arbeit und Politik, fast 40% weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr. Zudem gab es in 2020 in der Gastronomie einige Kündigungen des Ausbildungsverhältnisses in der Probezeit. Da in diesem Fall keine Kündigungsgründe angegeben werden müssen, kann nur vermutet werden, ob der Grund die Pandemie ist.

Dass weniger Ausbildungsverträge angeboten werden, sei bei Kleinstbetrieben laut Allen nachvollziehbar, da diese die Kosten in der Pandemie nicht stemmen können. Großbetriebe könnten es sich leisten weiterhin auszubilden.

Zum Beispiel Bäckereien: Obwohl Bäckereien in der Pandemie durchgehend geöffnet waren, bieten auch sie weniger Ausbildungsplätze an, da sie ihre Gastro- und Außenbereiche schließen mussten. Einige haben daher auch Kurzarbeit angemeldet. Dies trifft junge Geflüchtete besonders, da viele ihre Ausbildung im Berufsbild Fachverkäufer*in Lebensmittelhandwerk – Bäckerei absolvieren.

Der Rückgang der Ausbildungsbereitschaft in den Betrieben betrifft nicht nur junge Menschen, die eine Ausbildung beginnen, sondern kommt auch dann zum Tragen, wenn es bei der praktischen Ausbildung Probleme gibt und der/die Auszubildende den Betrieb gerne wechseln möchte – auch das ist zurzeit in einigen Branchen kaum möglich.

Grüne Box mit Text: Erfahrungsbericht   Ein junger Ehrenamtlicher mit Fluchterfahrung aus dem Beratungscafé er-zählt uns: „Viele Leute, die ich kenne, haben ihre Ausbildungsplätze verloren, zum Beispiel beim Friseur. Mein Cousin wollte dort eine Ausbildung machen und hatte schon eine Zusage, aber dann haben sie ihm abgesagt. Ein ande-rer Cousin von mir hat eine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht, aber seine Abschlussprüfung findet seit Monaten nicht statt. Bei uns in der schuli-schen Ausbildung gab es in 2020 Probleme mit unserem Pflichtpraktikum. Das Praktikum durfte nicht stattfinden, aber wir mussten trotzdem einen Praktikumsbericht schreiben, nur mit Phantasie.“

Schlechtere Chancen im Bewerbungsprozess

Auch eine Lehrstelle zu bekommen und im Wettbewerb um Ausbil-dungsplätze gegenüber standard-deutschen Mitbewerber*innen zu be-stehen, ist durch die Corona-Pandemie für junge Menschen mit Fluchter-fahrung zu einer noch größeren Herausforderung geworden.
Grüne Box mit Text: Willkommenslots*innen unterstützen Unternehmen dabei, Menschen mit Fluchthintergrund in ihre Betriebe zu integrieren. Sie vermitteln Geflüchtete für Hospitationen, Praktika, Einstiegsqualifizierungen, Ausbildung oder Arbeit an Unternehmen. In Bremen gibt es Willkommens-lots*innen bei der Hand-werkskammer, der Han-delskammer und im Be-reich Garten- und Land-schaftsbau.Markus Siebert, Willkommenslotse in der Handwerkskammer Bremen, berichtet, dass vor allem der Bewerbungsprozess für junge Geflüchtete, die eine Ausbildung in einem Handwerkbetrieb machen möchten, schwieriger geworden sei.

In der Vergangenheit habe es sich bewährt, Bewerbungsunterlagen bei Betrieben persönlich vorbei zu bringen oder sich dem Betrieb zunächst im Rahmen eines Praktikums vorzustellen. In beiden Fällen hat der oder die Ausbildungssuchende die Chance, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen und vor allem seine/ihre Deutschkenntnisse unter Beweis zu stellen.

In der Pandemie gehen viele Betriebe aufgrund von Infektionsschutzmaßnahmen sehr vorsichtig damit um, wen sie auf das Betriebsgelände lassen. Daher ist es derzeit in vielen Fällen nicht mehr möglich, sich schon vor dem Bewerbungsgespräch persönlich durch ein Praktikum oder das Vorbeibringen von Bewerbungsunterlagen vorzustellen.

Die Erfahrung zeigt: Wenn Betriebe nur schriftliche Unterlagen bekommen, laden sie meistens bevorzugt diejenigen Bewerber*innen zu einem Vorstellungsgespräch ein, bei denen sie davon ausgehen, dass ausreichende Deutschkenntnisse auch in der mündlichen Kommunikation vor-liegen. So haben junge Geflüchtete nun häufig schlechtere Chancen zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Markus Siebert beobachtet aktuell, im März 2021, dass sich die Situation wieder verbessert und mehr Vorstellungsgespräche und Praktika stattfinden können als in den letzten Monaten.

Berufsschule im Home-Schooling - Verstehen fällt im Distanzunterricht schwerer

Grüne Box mit Text: Eine Nutzerin des Bera-tungscafés sagt: „Online lernen ist schwieriger, als in der Schule. Man versteht nicht so richtig wenn man nicht in der Schule ist.“Auch der Distanzunterricht hat Auswirkungen auf die Berufsschüler*innen, auf ihre Lernerfolge und Motivation in der Ausbildung. „Gerade für Leute mit Fluchthintergrund geht das gar nicht“ sagt Birgit Allen. Das Verstehen ist ein anderes als im Klassenraum, es ist nicht möglich nachzufragen. Mimik und Geste und die Aussprache zu sehen, das alles spielt eine wichtige Rolle für das Verständnis der Inhalte. Nur im persönlichen Ge-spräch und in der persönlichen Ansprache wird deutlich, was verstanden wurde und wo ein*e Schüler*in nicht mitgekommen ist oder Missverständnisse vorliegen.

Da viele Berufsschüler*innen erst jetzt, im März 2021, wieder aus dem Distanzunterricht in die Berufsschulen zurückkommen, wird das Ausmaß der Folgen der Pandemie sowohl im Betrieb als auch in der Schule erst in den nächsten Wochen und Monaten deutlich werden.

Grüne Box mit Text: Und auch ein junger Ehren-amtlicher mit eigener Fluchterfahrung findet: „On-line Unterricht ist blöd, man kann die Aufgaben nicht verstehen, man kann nicht nachfragen, wie die Aufga-ben gemeint sind, schriftlich nachzufragen und die Auf-gaben schriftlich erklärt zu bekommen geht gar nicht.“Verlust von Nebenjobs und Zuverdienstmöglichkeiten

Doch nicht nur im Bereich der Ausbildungsplätze und in der Berufsschule sind die Folgen von Corona für junge Geflüchtete zu spüren. Viele Schüler*innen, Auszubildende und Studierende verlieren außerdem ihre Nebenjobs und Zuverdienstmöglichkeiten. Für junge Menschen, die in den letzten Jahren ohne ihre Familie nach Bremen gekommen sind, ist dies besonders gravierend, da sie nicht die Möglichkeit haben, in diesen außergewöhnlichen Zeiten von Verwandten finanziell unterstützt zu werden. Für sie alle kommt es ohne Abfederung zu einer Verschärfung der finanziellen Situation.

Ali Issa, der ehrenamtlich im Beratungscafé von Fluchtraum Bremen e.V. aktiv ist, erzählt: „Mein Cousin hat seinen Job im Restaurant verloren, eine Freundin von mir hat in einer Kantine gearbeitet, das Unternehmen ist während der Corona-Pandemie pleite gegangen und sie hat ihren Job verloren und eine weitere Bekannte von mir hat im Weserstadion gekellnert, sie hat ebenfalls ihren Minijob verloren.“ Auch weitere Schüler*innen berichten uns, dass sie ihre Nebenjobs, vor allem in der Gastronomie, verloren haben.

Insa Bertram, Fluchtraum Bremen e.V.
10.03.2021