Unser Erfahrungsbericht – Claudia und Abdullah

Die Mentorenschaft besteht seit Sommer 2016

Was ich noch zu mir sagen möchte

Foto: Portrait von ClaudiaClaudia: Ich bin 51 Jahre alt und bin Ur-Bremerin, wobei ich eigentlich im niedersächsischen Umland aufgewachsen bin.

Außer für mein Studium, welches mich ins „weit entfernte“ Hannover geführt hat, bin ich, mit Ausnahme von Urlaubsreisen, noch nicht viel aus Bremen weg gewesen.

In meinem Job arbeite ich in erster Linie sehr rational und strukturiert.

Ich reise gerne und liebe es, Musik zu machen oder zu hören.

 

Foto: Abdullah mit einem Tor im Hintergrund in der Münchener Innenstadt.Abdullah: Ich komme aus Afghanistan.
Ich mag afghanische Flötenmusik.

Ich bin 18 Jahre alt und seit 2,5 Jahren in Bremen.

Ich treffe mich gerne mit verschiedenen Leuten. Mit Jungen und Alten und verschiedene Nationalitäten.

Ich fahre gerne Fahrrad. Ich hätte gerne ein Rennrad.

 

Deswegen habe ich mich für das ehrenamtliche Engagement als Mentorin entschieden

Claudia: Es gab durch einen Chef in meinem Institut einen Aufruf, sich bei der Hilfe für junge Geflüchtete zu engagieren, die in einer Turnhalle in der Nähe der Universität untergebracht waren. Zunächst war ich eher ängstlich, den Kontakt aufzunehmen. Nachdem aber immer öfter in den Medien über die schwierige Lage der geflüchteten Menschen berichtet wurde, fasste ich mir ein Herz und habe mich den anderen Kolleginnen und Kollegen angeschlossen, die einmal in der Woche in der Turnhalle ein Angebot zum Spielen und Deutsch Reden anboten.

Meine anfänglichen Bedenken verflogen sehr schnell und die jungen Menschen wuchsen mir ans Herz. Ich wollte mehr tun als nur Karten mit ihnen spielen. Die Situation der Jugendlichen erschien mir aussichtslos und ich hatte das Gefühl, dass Sie nur über intensiven Kontakt mit uns „Ureinwohnern“ richtig ankommen können. Denn das Ankommen fiel in der Turnhalle extrem schwer. Allen war klar, dass es sich dabei nur um eine Zwischenstation handelt.

Trotzdem sollte diese Zeit genutzt werden, um möglichst viel Deutsch zu lernen und unsere Systeme und Regeln zu verstehen. Das funktioniert aber nicht, wenn Menschen in einer Parallelwelt wie einer Turnhalle leben. Da gelten dann ganz andere Regeln. Also wollte ich meine Tür öffnen, um ihnen einen Einblick in mein Leben zu geben. Dabei wollte ich auch zeigen, was meine Werte und Vorstellungen vom Zusammenleben sind. Ich las im Weser-Kurier über eine Mentorin. Das machte mir Mut, mich auch zu melden und eine Mentorenschaft zu übernehmen. Auch eine Informationsveranstaltung in der Kirche brachte mir das Schicksal der Geflüchteten näher.

Mein Wunsch war es, mehr zu tun als Dinge oder Geld zu spenden. Ich merkte, dass es in meinem bisherigen Leben eine Seite in mir gab, die bisher noch nicht gefordert wurde. Die wollte ich zum Einsatz bringen. Inzwischen begleite ich nicht nur Abdullah sondern noch drei weitere Jugendliche mit unterschiedlich hohem Einsatz. Manchmal ist es einfach nur eine Unterstützung bei einem Behördentermin. Manchmal ist es ein langes Gespräch darüber, was gerade anliegt. Oder es ist gemeinsames Kochen oder Backen. Das bestimmen die Jugendlichen und mein Terminkalender.

Deswegen habe ich eine Mentor_in/einen ehrenamtlichen Vormund gesucht

Abdullah: Ich brauche Hilfe beim Deutsch lernen. Ich brauche Rat, was ist richtig und was ist falsch in Deutschland. Ich suche Hilfe, um das Leben in Deutschland zu verstehen.

Das finde ich an meiner Mentorin besonders gut

Abdullah: Eigentlich finde ich alles gut an meiner Mentorin. Besonders schön ist, dass sie für mich eine Wohnung gefunden hat. Das war sehr schwer. Ich freue mich, dass wir uns einmal in der Woche treffen und jeden Abend chatten. Es ist ein bisschen wie Familie. Im März wollen wir zusammen nach München fahren. Darauf freue ich mich.

Das macht mir besonders viel Freude in meinem Engagement

Foto: Vier Personen auf dem Schulschiff DeutschlandClaudia: Was ich erst durch meine Mentorenschaft festgestellt habe ist, dass ich auch in unbekannten oder ungewöhnlichen Situationen, die nicht nach den mir bekannten Regeln ablaufen, reagieren kann und nicht in Stress gerate. Das war mir vorher nicht so bewusst. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich mehr Geduld aufbringen kann, als ich dachte. Ob ich immer richtig agiere, wage ich zu bezweifeln. Aber ich denke, jeder Mensch ist anders und es gibt kein richtig oder falsch im Zusammenleben. Ich folge meinem Herzen und meinem Verstand. Die Kombination macht es aus.

Ich liebe es, die Jugendlichen bei ihren Vorhaben zu begleiten. Es ist schön, wenn sie mich um Rat fragen. Das macht mich stolz. Ich freue mich, Ihnen Kontinuität zu geben. Sie haben es mit oft wechselnden Wohnsituation und betreuenden Personen zu tun. Ich bin dabei der feststehende Faktor. Ich habe tolle Mitarbeitende im Jugendamt kennen gelernt, die mich sehr bei meinen Anliegen unterstützt haben und mein Engagement hoch einschätzen.

Das gibt mir den Mut immer wieder deren Unterstützung einzufordern. Für mich würde ich mich das vielleicht oft nicht so trauen. Ich bin mutiger geworden, was die Suche nach Verbündeten angeht. Und wenn auch nicht immer, so gelingt es doch immer wieder Vermietende, Chefs in Betrieben für Praktika oder Leute zu finden, die einfach etwas verschenken, was die Jugendlichen gut gebrauchen können.

Eine große Freude ist es immer, wenn mal wieder etwas geklappt hat, was zu Beginn ausweglos aussah. Ich hoffe, ich habe noch oft solche Erlebnisse. Aber wie sagt man so schön: „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“ Das ist ein Motto welches ich verinnerlicht habe.

Das macht mir Sorgen

Ich mache mir Sorgen über den ungeklärten Aufenthaltsstatus von Abdullah. Das macht mir manchmal Angst, obwohl ich die Hoffnung habe, dass er hier bei uns in Bremen eine Zukunft hat. Ich hoffe, es bleibt dabei, dass sich die Abschiebepraxis in Bremen nicht ändert. Sorgen macht mir auch die Zukunft, was eine sinnvolle Ausbildung angeht. Leider stehen Abdullah nicht alle Türen offen. Ich hoffe, wir finden die Tür, die es ihm ermöglicht, möglichst bald ein selbstbestimmtes Leben mit einer befriedigenden Arbeit zu finden, die es ihm ermöglicht, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen.

Und ich wünsche mir, dass er eine Frau findet, um eine Familie zu gründen. Das ist zwar im Moment aus meiner Sicht nicht das Wichtigste. Aber auf Dauer ist das ein großer Wunsch von mir.

Das hat mir in meinem Engagement geholfen

Claudia: Mein Mann unterstützt mich sehr. Er wird von Abdullah und den anderen Jugendlichen sehr geschätzt und das freut mich. Auch meine Mutter hat insbesonders Abdullah in ihr Herz geschlossen. Es gibt einige Kolleginnen und Kollegen, die mein Engagement sehr interessiert verfolgen. Sie unterstützen mich mit ihren Ratschlägen und ihren Meinungen. Sie geben mir oft die Sicherheit, auf dem richtigen Weg zu sein.

Bei Fluchtraum werden viele Fortbildungsveranstaltungen angeboten, die mich fit machen für mein Engagement. Denn es gibt viele Dinge, mit denen ich mich bisher noch nicht auseinander zu setzten brauchte. Die Besonderheiten des Asylrechts oder des bremischen Bildungssystems gehörten bisher nicht zu meinem Erfahrungsschatz.

Diese schöne Geschichte habe ich in meinem Engagement erlebt

Claudia: Abdullah hat meine Mutter und mich zu mehreren Handwerkermärken begleitet. Dort lernte er sehr schnell ein wenig Klöppeln, was meine Mutter selbst als Jugendliche in der Kinderlandverschickung im Erzgebirge gelernt hat. Meine Mutter ist stolz auf ihn. Die Besucher sind sehr beeindruckt über seine Fingerfertigkeit. Ich finde es toll, dass Abdullah diesbezüglich überhaupt keine Berührungsängste hat. Er präsentiert dieses Handwerk ganz selbstverständlich. Besonders anrührend ist es, wenn er es kleinen Kindern zeigt und sie animiert, es auch selbst zu probieren. Das ist niedlich. Abdullah mag Kinder und geht toll mit ihnen um.

Abdullah: Ich habe geschafft, Claudia reinzulegen. Ich habe ihr erzählt, dass ich ohne Geld in einem türkischen Restaurant gegessen habe. Beim Bezahlen habe ich dem Restaurantbesitzer gesagt, er muss mir helfen in der Sparkasse nebenan Geld abzuheben, weil ich das vorher noch nie gemacht habe. Ich habe gesagt, dass er mit mir zusammen Geld abgehoben hat, damit ich bezahlen kann.

Claudia hat mir diese Geschichte lange geglaubt und hat gesagt, sie geht nicht mehr mit mir in dieses Restaurant, weil es ihr peinlich ist. Nach ein bisschen Zeit habe ich gesagt, dass ich alles nur ausgedacht habe. Wir haben beide sehr darüber gelacht. Das war schön. Wir lachen viel zusammen. Ich sage, „Lachen ist das Salz des Lebens“.

Januar 2018