Unser Erfahrungsbericht – Jule und Iman

Die Mentorenschaft besteht seit November 2016

Was ich noch zu mir sagen möchte

Foto: Jule und Iman in einer Küche.Jule: Hi, ich bin Jule. Hier ein paar Infos zu mir: Mir geht es richtig gut mit richtig guter Musik im Gepäck. Meine liebste Süßigkeit ist eine „Bunte Tüte“ vom Kiosk.

Eine gute Eigenschaft von mir ist, dass ich einen sehr positiven und fröhlichen Charakter habe und das anderen Menschen gerne zeige. Eine schlechte Eigenschaft von mir ist, dass ich manche Dinge zu lang und zu kompliziert versuche zu erklären (in meinen Augen ein Überbleibsel des Studiums an der Uni). „Respekt“ bedeutet für mich zum Beispiel, anderen Menschen zuhören zu können und zu versuchen, sie wirklich zu verstehen.

Iman: Hey liebe Leute, ich bin Iman. Hier ein paar Infos zu mir: Mir geht es richtig gut, wenn ein Feiertag kommt, weil ich dann richtig chillen und entspannen kann. Meine liebste Süßigkeit ist „Narenjak (persisch)“, auf Deutsch „Windbeutel“.

Eine gute Eigenschaft von mir ist, dass ich immer pünktlich bin. Eine schlechte Eigenschaft von mir ist, dass ich manchmal - eigentlich nur ganz selten - ein bisschen eingebildet bin (z.B. dass ich denke, ich kann besser kochen als jemand anderes, obwohl das gar nicht unbedingt stimmt). „Respekt“ bedeutet für mich, dass ich zum Beispiel für ältere Menschen in der Bahn aufstehe oder ihnen die Tür aufhalte. Einem Nazi würde ich meinen Platz nicht anbieten – nur wenn er alt ist, dann würde ich auch aufstehen.

Deswegen habe ich mich für das ehrenamtliche Engagement als Mentorin entschieden

Jule: Nach der großen Flüchtlingswelle 2015/2016 habe ich mich gefragt, was ich anderen Menschen in 30-40 Jahren mal von meinem Leben erzählen werde und was ich über die Situation wie sie heute ist in der Zukunft - ein paar Jahrzehnte später - zu berichten habe. Ich würde es mir niemals verzeihen mit 70 Jahren sagen zu müssen „Ich habe damals nicht wirklich was getan...“.

Das war der Grund für meine Entscheidung, unter anderem einen jungen Geflüchteten beim „Ankommen, leben und wohnen“ in Bremen zu unterstützen. Für mich ist dabei die Beziehungsebene besonders wichtig – zu zeigen, dass hier Menschen leben, die sich Gedanken über andere und über deren Situation machen. Die Interesse zeigen und die Zeit und ein offenes Ohr für ihre Anliegen haben.

Deswegen habe ich eine Mentorin gesucht

Iman: Ich habe Jule bei einem Medienprojekt für Jugendliche vom Bremer Jugendring kennengelernt, an dem ich teilgenommen habe und wo Jule als Projektleiterin gearbeitet hat. Sie ist auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich als Mentee an einer Mentorschaft interessiert bin, die von Fluchtraum e.V. begleitet wird.

Ich habe zu der Zeit dringend eine Wohnung gesucht. Ich habe damals noch in einem großen Übergangswohnheim mit über 60 geflüchteten Jugendlichen gewohnt. Diese Situation war nicht immer einfach für mich. Eine gute Jugendwohngemeinschaft habe ich dann zwar mit anderer Hilfe gefunden, die Mentorschaft ist aber bis heute geblieben. Darüber bin ich sehr glücklich.

Das finde ich an meiner Mentorin besonders gut

Iman: Ich finde toll, dass meine Mentorin eine sehr positive, freundliche Ausstrahlung hat. Und wir können besonders gut miteinander sprechen und viel zusammen lachen. Das Vertrauen war schnell da.

Das macht mir besonders viel Freude in meinem Engagement

Foto: Gedeckter Tisch mit vielen Speisen.Jule: Immer wenn Iman und ich uns sehen (wenn es geht alle 2-3 Wochen) machen wir schöne Dinge zusammen: z.B. ins Kino oder ins Museum gehen, Minigolf spielen, spazieren gehen, Tee trinken, Kekse backen, zusammen international kochen usw. Einfach Spaß haben und die Seele baumeln lassen, dass ist das Schönste.

Und viel miteinander sprechen, auch über ernste Themen, z.B. über Politik in Deutschland, in Afghanistan oder dem Iran, oder über das Leben als Jugendlicher und wie es ist, erwachsen zu werden. Das ist immer sehr spannend und manchmal auch einfach wichtig - für beide Seiten. Ich bin jedes Mal gespannt zu erfahren, wie junge Menschen mit so viel Lebenserfahrung die Welt sehen.

Das macht finde ich manchmal schwierig

Jule: Als Mentorin finde ich es schwierig, dass so viele wichtige Entscheidungen über so viele verschiedene Instanzen (Vormund, Casemanager, Betreuer:innen, ...) gefällt werden. Es ist nicht immer einfach, hier den Überblick zu behalten und die Bedürfnisse des Jugendlichen im Blick zu behalten. Außerdem gibt es immer neue Anpassungen an die Asyl- und Flüchtlingspolitik, da ist es manchmal schwer mitzukommen.

Ein bisschen Sorge macht mir auch, wie die Situation für junge Geflüchtete in einigen Jahren in Bremen und in Deutschland aussehen wird – besonders in Bezug auf das Absolvieren von Ausbildungen. Hier den Mut nicht zu verlieren und dranzubleiben braucht eine Menge Power und Durchhaltevermögen.

Das hat mir in meinem Engagement geholfen

Jule: Alle Mitarbeiterinnen von Fluchtraum waren zu jeder Zeit da und ansprechbar. Das ist eine ganz große Hilfe und auch eine enorme Leistung, die hier erbracht wird. Auch die Rechtsberatung von Fluchtraum ist sehr hilfreich. Zudem gibt es ein gut ausgebautes Beratungs- und Informationsnetzwerk. Geholfen hat mir aber vor allem, dass Iman und ich uns von Anfang an sehr gut verstanden haben.

Diese lustige Geschichte habe ich in meinem Engagement erlebt

Jule: Bis heute spricht mich Iman mit „Sie“ an und nennt mich häufig „Frau Jule“, wenn er mit mir oder über mich spricht. Obwohl ich ihm von Anfang an das „Du“ angeboten habe, hat er mich in der ganzen Zeit noch nie „gedutzt“. Er sagt, es geht einfach nicht in seinen Kopf rein, „Du“ zu einer älteren Person zu sagen. In seiner Heimat Afghanistan werden ältere Menschen immer mit „Sie“ angesprochen – ein Gebot der Höflichkeit. Das hat er mit nach Deutschland genommen, sagt Iman. Das kann er nicht einfach ändern. Ich muss jedes Mal schmunzeln, wenn er wieder „Frau Jule“ zu mir sagt.

Diese schöne Geschichte habe ich mit meiner Mentorin erlebt

Iman: Wir haben mal zusammen mit meinen Freunden zu Hause gekocht und gegessen. Es war toll, dass meine Mentorin dabei war und mit uns gegessen und gelacht hat. Super fand ich, dass ich ihr an dem Abend auch sehr private Fragen stellen konnte - zum Beispiel, wie viele Freunde sie schon in ihrem Leben gehabt hat - und eine Antwort bekommen habe ;)...

Januar 2018